Gestern kommentierte Emil Gött Nietzsches Der Fall Wagner, heute nimmt er sich die Götzen-Dämmerung vor.
Kritik der Décadence-Moral. – Eine „altruistische“ Moral, eine Moral, bei der die Selbstsucht verkümmert . . . Instinktiv das Sich-schädliche wählen, Gelockt-werden durch „uninteressierte“ Motive gibt beinahe die Formel ab für décadence.
Eine Sache von sehr labilem Gleichgewicht! Es ist der Fehler dieses Mannes, häufig seine Themen gewaltsam in „Attitüden“ zu zwingen, die ihnen nicht ganz natürlich sind.
Die Kluft zwischen Mensch und Mensch, Stand und Stand . . . Das, was ich Pathos der Distanz nenne, ist jeder starken Zeit eigen . . . Alle unsere politischen Theorien und Staatsverfassungen, das „Deutsche Reich“ durchaus nicht ausgenommen, sind Folgerungen, Folgenotwendigkeiten des Niedergangs . . .
Es ist merkwürdig, wie sehr Nietzsche, wenn man uneingeschränkt diesen Sätzen hier trauen müsste, auf die äußere Erscheinung des Aristokratischen hält. Er scheint kein Pathos innerer Distanz anzuerkennen. – Das Deutsche Reich ist durchaus keine Folge des Niedergangs, sondern nur ein elend gelungener Versuch des Aufgangs, wert, noch einmal oder auch einige Mal zerschlagen zu werden. (Einige Mal? – Vielleicht hundertmal – vielleicht für immer – nur das heilige Feuer für die schön und groß gedachte Sache möge es wahren! „Lass ihm den Durst, o Gott und still ihn nicht zu sehr!“)
Die Arbeiter-Frage. – Will man einen Zweck, muss man auch die Mittel wollen: Will man Sklaven, so ist man ein Narr, wenn man sie zu Herrn erzieht.
Was man will, ist Nebensache! was man aber tut? – man erzieht sich seine höheren Widersacher, also die Stufen zum Höhertreten.
Hier ist die Aussicht frei. – . . . vor dem Unwürdigsten sich nicht zu fürchten [kann] Größe der Seele sein. Ein Weib, das liebt, opfert seine Ehre.
Es ist eben manchmal nicht möglich, nicht lieblos zu sein, wenn die Seele sich zu ihrer vollen Größe aufrichtet; manchmal muss sie manches überragen, an die Wand drücken, schmerzen – am schwersten das Nahe.
Die Schönheit kein Zufall. – Die Griechen bleiben deshalb das erste Kulturereignis der Geschichte – sie wussten, sie taten, was nottat; das Christentum, das den Leib verachtete, war bisher das größte Unglück der Menschheit.
Wenn sie aber von diesem großen Unglück genest, war es dann umsonst? Achtung, wenn auch feindselige, vor den großen Tatsachen! Duldete sie Gott, dulde sie du! Nur bekämpfe sie! Das ist dein Recht, dein heiliges, ihnen gegenüber.
Ich habe der Menschheit das tiefste Buch gegeben, das sie besitzt, meinen Zarathustra.
Ich werde ihr etwas anderes Tiefes geben, aber kein Buch – ein Leben.